Asja Nadjar

«Wenn ich erklären soll, warum ich Theater spiele, habe ich schnell das Gefühl, die Kraft und Selbstverständlichkeit des Theaters in Frage zu stellen. Weil mir dafür die Worte fehlen, halte ich mich lieber an Taten.»

Biografie

Meine Ziele

«Wenn ich erklären soll, warum ich Theater spiele, habe ich schnell das Gefühl, die Kraft und Selbstverständlichkeit des Theaters in Frage zu stellen. Weil mir dafür die Worte fehlen, halte ich mich lieber an Taten. Theaterspielen heisst, mit Freude und im vollen Bewusstsein im Leben zu stehen. Theater und Film geben mir einen wertvollen Lebensantrieb. Es gefällt mir, immer wieder meine Ängste zu überwinden, zum Beispiel die Angst, mich lächerlich zu machen. Es gefällt mir, den Mut aufzubringen, mich mir selbst zu stellen um etwas freizusetzen, das andere in ihrem Innersten anspricht. Ich schätze es, mit anderen zusammenzuarbeiten und dabei nach neuen Möglichkeiten suchen, um Kreativität wachzurütteln und sinnstiftende Gefühle zu vermitteln, um ein – zwangsläufig politisches – Ritual des Teilens aufrecht zu erhalten.»

Biografie

Asja Nadjar ist am 19. Juni 1990 im südfranzösischen Lavaur geboren. Ihre Mutter ist Schweizerin, ihr Vater ein in Algerien geborener Franzose. Nach einem Germanistikstudium in Toulouse studiert sie ab 2009 vier Jahre lang an der regionalen Hochschule für Darstellende Kunst in Lyon, wo sie die meisten der Freunde und Theater-Weggefährten kennenlernt, mit denen sie auch heute noch regelmässig zusammenarbeitet. Die einjährige Arbeit mit Gwenaël Morin an vier Werken von Molière erlaubt ihr die Begegnung mit dem Théâtre Permanent. Ihr Wunsch, ihre Ausbildung an einer Schule fortzuführen, führt sie 2014 an die Schauspielhochschule von Paris (Conservatoire national supérieur d’art dramatique). Hier schliesst sie gerade ihr letztes Jahr ab. Mit grosser Freude wird sie mit dem Conservatoire im Juli 2017 einen Monat am Festival von Avignon spielen.

Vorsprechprogramm

  • Sméraldine in «Der Diener zweier Herren» von Carlo Goldoni
  • Dom Juan und Mr Dimanche in «Dom Juan» von Molière
  • Damis in «Tartuffe» von Molière
  • Philinte in der «Der Menschenfeind» von Molière
  • Georgette in «Die Schule der Frauen» von Molière
  • Katia in «Die Geschichte des Kommunismus nacherzählt für Geisteskranke» von Matei Visniec
  • Die Frau in «Theater» von Jean-Pierre Siméon
  • Freie Wahl: Burlesque
  • Freie Wahl: Bühnenbearbeitung von «Urgences» von Raymond Depardon
  • Die Königin und Don César in «Ruy Blas» von Victor Hugo
  • Die Mutter in «Einfach das Ende der Welt» von Jean Luc Lagarce
  • Andromache in «Andromache» von Jean Racine
  • Sofja Jegorowna, «Platonow» von Anton Tschechow

Auszeichnungen

  • 2016: Studien- und Förderpreis Schauspiel des Migros-Kulturprozent
  • 2015: Studienpreis des Migros-Kulturprozent

Kontakt

Asja Nadjar
25 rue Breguet
FR–75011 Paris

+33 633 064 272
asja.nadjar@gmail.com

Theater jenseits von Ego

Talent des Monats

1. Dezember 2016, Pascaline Sordet

Die Ausbildung in Lyon hat die Schauspielerin Asja Nadjar auf spezielle Weise geprägt: durch das Théâtre Permanent, eine Theaterform, bei der das Stück spontan vor Publikum entsteht. Soeben hat sie den Förderpreis des Migros-Kulturprozent erhalten.

Als Tochter einer Schweizerin und eines Franzosen wächst Asja Nadjar in den Pyrenäen auf, verbringt ihre Ferien aber regelmässig in den Schweizer Alpen. Vom Pendeln zwischen den Bergen bleibt ihr ein undefinierbarer Dialekt zwischen südlichem Singsang und Schweizer Langsamkeit, die Pässe beider Länder und die Liebe zur deutschen Sprache – die sie entgegen der meisten französischen Muttersprachler «intuitiv» findet. Von ihrem Studienort Paris aus beschreibt sie die Schweiz als Heimat ihrer Kindheit: «Unsere kleine Hütte in den Bergen war ohne Strom und Wasser. Meine Kindheitserinnerungen sind vor allem von Natur und ausgiebigen Wanderungen geprägt. Inzwischen habe ich eine erwachsenere Beziehung zur Schweiz und nehme eher die urbane Seite des Landes wahr. Ich kenne Zürich und Bern ein bisschen, nicht gerade wie meine Westentasche, aber ich habe einen emotionalen Bezug.»

Denselben emotionalen Bezug hat sie auch zur Sprache: durch den Klang der Stimme ihrer Mutter, mit der sie ausgiebige Telefonate pflegt. Schweizerdeutsch spricht Nadjar zwar nicht, die Sprachmelodie ist ihr aber bis heute vertraut. «Ich liebe diese Sprache, ich habe das Gefühl, dass ihr Rhythmus und ihre Seele mir näher sind als die meiner französischen Muttersprache.» Die junge Schauspielerin würde gerne eines Tages auf Deutsch Theater spielen. «Ich denke, das könnte mich auch im Französischen bereichern: Die andere Musikalität, die andere Art zu spielen und vor allem die andere Denkweise.»

Lyon und das Théâtre Permanent

Bevor es Asja Nadjar in das Zimmer im 11. Arrondissement von Paris verschlägt, studiert sie in Lyon an der regionalen Theaterhochschule. In einem sehr zusammengeschweissten Jahrgang verbringt sie dort vier Jahre, darunter ein praktisches unter Anleitung eines sehr speziellen Regisseurs: «Gwénaël Morin hat uns für sein Théâtre Permanent engagiert – das passiert eigentlich nie!» Innerhalb eines Jahres studieren Nadjar und ihre Kommilitonen aus Lyon in fast schon aktivistischer Theateratmosphäre vier Stücke von Molière ein. Proben, Aufführungen, Diskussionen finden öffentlich statt, das Stück verändert sich von Tag zu Tag, Platzreservierungen gibt es nicht – ein Experiment. «Diese Erfahrung hat meine Theaterpraxis völlig über den Haufen geworfen und begleitet mich bis heute», erzählt die Schauspielerin. «Ich reflektiere nun anders über Theater und Theaterpolitik, ich lasse mich leichter darauf ein, einfach nur zu spielen.» Ihre Beziehung zum Theater vereinfacht sich durch das tägliche Spielen sowie dadurch, dass die Szenen vor den Zuschauern ausgearbeitet werden.

Andererseits erfordert dieses Theaterexperiment vollkommene Selbsthingabe. «In dieses Theater muss man sich kopfüber hineinstürzen.» Asja Nadjar, selbst noch in der Ausbildung, beobachtet bei Schauspielern, die durch das Théâtre Permanent gegangen sind, solide Bühnenpräsenz. Ihr selbst hat es Lust gemacht, andere Bühnenhorizonte zu ergründen. Als sie sich entschliesst Lyon zu verlassen, spürt sie, wie sie an Elan verliert. «Ich wusste noch nicht einmal, welche Art von Theater ich machen wollte.» Das zweite Studium am Pariser Konservatorium CNSAD, der ältesten Schauspielschule Frankreichs, bringt jedoch Klarheit. Sie bereut ihre Entscheidung nicht. «Seit drei Jahren nutze ich das Studium, um mein Theater zu erforschen und zu hinterfragen, wobei meine Erfahrungen aus dem Théâtre Permanent präsent bleiben.»

Rückblickend meint sie, ihr Studienjahrgang sei von Gwénaël Morin dank des guten Zusammenhalts, aber auch aufgrund der relativen Jungfräulichkeit der Gruppe engagiert worden: «Unsere Unschuld hat ihm gefallen, unsere vollkommene Hingabe, wir waren beinahe wie Material, wenn auch viel Menschlichkeit dabei war. Man kann sich einem Experiment, einem Projekt, einer Vision bedingungslos hingeben – dies aber mit Verstand tun.»

Männerrollen

Eine andere Eigenheit des Théâtre Permanent, von der die junge Frau beeinflusst wird, ist die Auslosung der Rollen – anstatt der Verteilung nach den Vorlieben des Regisseurs. «Das ist ziemlich interessant, denn das Ego eines jeden Schauspielers wird zugunsten einer theatralen Geste beiseite gestellt. Alles wird viel einfacher, persönliche Angelegenheiten, die zu viel Platz einnehmen würden, sind aus dem Weg geräumt.» Auf Asja Nadjar fallen vor allem männliche Rollen. Das prägt sie. «Frauenrollen sind in Wahrheit ziemlich frustrierend, vor allem wenn man sieht, wie klischeehaft sie noch immer sind. Selbst in zeitgenössischen Stücken finde ich sehr selten Männerrollen, die genauso gut Frauenrollen sein könnten, ohne dass das Stück dabei uninteressant würde.»

Vom Engagement fürs Theater zum feministischen Engagement ist es nur ein kleiner Schritt, den die Schauspielerin gerne geht. Sie sucht in den Stücken nach Frauen, die politisch Position beziehen und nicht nur die Opferrolle einnehmen. «Die Männer im Theater haben immer Passagen, in welchen sie über die Welt nachdenken. Es ist frustrierend, dass die Autoren und Regisseure anscheinend ihre Komplexität, Widersprüche und Vielfalt hauptsächlich auf Männer projizieren.» Sie nimmt dies zur Kenntnis und spricht in Paris in der Rolle des Alceste und vor der Jury des Migros-Kulturprozent als Don Juan vor. «Der ist mir bisher immer gelungen», sagt sie mit einem Lächeln.

Ein solides Netzwerk

Asja Nadjar beendet momentan ihr letztes Studienjahr an der CNSAD, ein Studium das vollen Einsatz erfordert. Mit dem Curriculum in Lyon gibt es keine Überschneidungen: «Hier spiele ich auch Clown, spiele mit Masken, fechte und singe, das ist intensiver und füllt den Tag.» Im ersten Studienjahr hatte sie einen Nebenjob, gibt aber zu, dass es schwer war, dabei das Gleichgewicht zu halten. Als sie den Studienpreis des Migros-Kulturprozent erhält, kann sie den Nebenjob aufgeben. «Das bietet mir enorme Freiheit. Durch den Preis habe ich Zeit, in Ausstellungen und ins Kino zu gehen und neben dem Studium ein Leben zu führen. Nur fürs Studium zu leben ist nämlich ziemlich problematisch. Für die Bühne muss man sich im Leben bereichern.»

Es ist beeindruckend wie hellsichtig die Schauspielerin auf ihre Laufbahn blickt. Sie weist feinsinnig auf die Förderung des Migros-Kulturprozent hin, unterstreicht aber, dass diese weit über das Finanzielle hinausgeht. Soeben ist Nadjar für ihre besondere Begabung zusätzlich mit dem Förderpreis ausgezeichnet worden: «Das gibt mir Sicherheit zu wissen, dass ich am Ende meines Studiums nicht alleine dastehe, und dass da jemand ist, den ich anrufen und nach Rat fragen kann.» Ein professionelles Netzwerk, das stärkend hinter dem familiären steht, ist enorm wichtig, um eine Karriere unter guten Bedingungen zu starten.

Von Paris nach Avignon

Ein anderes Netzwerk, dieses Mal ein französisches, von dem die junge Frau nach Studienabschluss profitieren wird, ist das des Jeune théâtre national. Es begleitet die Diplomanden drei Jahre lang, vermittelt ihnen Vorsprechtermine und hilft ihnen, diese vorzubereiten. Asja Nadjar blickt zuversichtlich in die Zukunft: «Ich hoffe auf interessante Vorsprechtermine und ausreichend Energie und Fantasie, um Projekte auf die Beine zu stellen.» Trotz ihrer Gelassenheit und ihrer schönen Laufbahn ist sie natürlich nicht gegen Zweifel immun: «Man darf sich nicht verschlingen lassen. Es ist aber schon auch ein etwas seltsamer Beruf, denn man ist permanent mit sich selbst konfrontiert. Es ist interessant, gerade dort mit der Arbeit anzusetzen, wo die eigenen Schwächen liegen. Da beutelt es einen zwangsläufig. Ich habe aber den Eindruck, dass ich auf mich selbst höre und mich nicht belüge bei dem, was ich tue.»

Ihr Gegengift: Daran glauben und sich ein bisschen selbst lieben. Bevor sie sich in eine lange Phase der Unsicherheit begibt, die so oft auf ein Studium folgt, wird sie kommenden Sommer mit anderen Studenten der CNSAD auf die Bühne des Festivals von Avignon steigen. Eine Art Feuerwerk für den Workaholic in ihr, der «die ganze Zeit» arbeiten möchte. «Das ist das einzige was funktioniert.»

  • 2016: «Morsure»; Regie: Manon Chircen, CNSAD, Festival SETKÁNÍ/ENCOUNTER, Brünn, Tschechien (Preis der Jury), Festival FUROR, Ludwigsburg, Deutschland
  • 2016: «DAR»; Kurzfilm von Anne Cissé (Preisträgerin G.R.E.C), Rolle: Lily, Paris
  • 2014: «Dom Juan», «Tartuffe», «Der Menschenfeind», «Die Schule der Frauen» von Molière; Regie: Gwénaël Morin, Rollen: Mr Dimanche, Damis, Philinte et Georgette, Théâtre le Point du Jour, Lyon
  • 2014: «La Dispute» von Marivaux; Regie: Théo Kerfridin, Rolle: Carise, Testavin, Les Arcs
  • 2013: «Et ils vécurent heureux»; Regie: Michael Comte, Théâtre de l’Elysée, Lyon